
Die Dokumentation
Berater von Firmen aus dem Umfeld Roman Abramowitschs haben zwischen 1999 und 2013 mehr als 1.000 Dokumente rückdatiert oder ungeprüft abgezeichnet. Das geht aus einer Recherche des Bureau of Investigative Journalism (TBIJ) hervor, die am 12. Oktober 2026 gemeinsam mit BBC Panorama, The Guardian und OCCRP veröffentlicht wurde. Die Unterlagen ließen laut den Medien Milliardenwerte so erscheinen, als seien sie Jahre früher als tatsächlich von zyprischen Gesellschaften auf Firmen der Britischen Jungferninseln (BVI) übergegangen.
Die Dokumente stammen aus Cyprus Confidential, einem Leak von 3,6 Millionen Dateien sechs zyprischer Dienstleister, den Paper Trail Media und Distributed Denial of Secrets erhielten und das Internationale Konsortium investigativer Journalisten (ICIJ) teilte. Im Mittelpunkt stehen Deloitte Zypern und MeritServus, ein 2005 aus Deloitte ausgegliederter Unternehmensdienstleister unter Leitung von Demetris Ioannides, der Deloitte Zypern fast zwei Jahrzehnte lang vorgestanden hatte.
Neue Offenlegungspflichten, umgeschriebene Geschichte
Laut OCCRP verabschiedete Zypern 2003, vor dem EU-Beitritt, ein Gesetz, das ausländisch kontrollierte Privatgesellschaften zur Veröffentlichung detaillierter Abschlüsse verpflichtete. Die geleakten Akten zeigen, wie die Berater darauf reagierten: Sie zeichneten die Eigentumsgeschichte mehrerer Gesellschaften neu, die über den Sara Trust gehalten wurden – Begünstigter war Abramowitsch, Treuhänder Ioannides.
Kravin Investments erhielt 2003 rund 3 Milliarden Dollar aus dem Verkauf einer 20-prozentigen Beteiligung am Ölkonzern Sibneft an Yukos; etwa 2 Milliarden blieben verzinst auf den Konten. Im August 2005 meldete ein Deloitte-Partner Zinsen von 10 Millionen Dollar für das erste Halbjahr. Laut OCCRP wurden daraufhin auf Mai 2003 datierte Schreiben entworfen, wonach Kravin das Geld für die BVI-Firma Kelvedon Worldwide hielt. Kravins 2016 eingereichter Abschluss für 2005 wies für 2004 und 2005 zusammen 15.000 Dollar Steuern aus.
Jachten, Jets und eine Holding für 145.000 Dollar
Im Juli 2005 erstellte Entwürfe des Abschlusses 2003 von Amiscan Investments verzeichneten Jachten im Wert von 354 Millionen Dollar, Flugzeuge für 142 Millionen und vier Immobilien in Frankreich und Großbritannien für 127 Millionen Dollar. Ein Kaufvertrag über die Übertragung von 19 Tochtergesellschaften an Kelvedon trug das Datum 4. Januar 2003, wurde laut OCCRP aber im November 2006 aufgesetzt. Der geprüfte Abschluss 2003 wies diese Werte später mit null aus.
Ähnlich verfuhr man mit Electus Investments, der zyprischen Holding des Trusts. Ihre Rolle ging auf dem Papier an eine gleichnamige, Ende 2003 gegründete BVI-Firma über. Als der Abschluss 2003 von Electus rund 14 Jahre später eingereicht wurde, war laut TBIJ und ICIJ von einem Vermögen von etwa 10 Milliarden Dollar nur eine Beteiligung im Wert von rund 145.000 Dollar übrig.
Sanktionen und frühere Gerichtsakten
Großbritannien fror Abramowitschs Vermögen am 10. März 2022 ein, die EU folgte wenige Tage später. Im April 2023 sanktionierte London auch Ioannides mit der Begründung, er habe „undurchsichtige Offshore-Strukturen“ geschaffen, mit denen Abramowitsch mehr als 760 Millionen Pfund verborgen habe. Die Herkunft des Sibneft-Vermögens war 2012 Gegenstand des Verfahrens Berezovsky gegen Abramovich vor dem englischen High Court. Laut TBIJ ermitteln die Behörden auf Jersey seit 2022 wegen des Verdachts der Geldwäsche.
Die Stellungnahmen
Abramowitschs Anwälte erklärten, es gebe „keinen Beweis“, dass er an den Unterlagen „beteiligt war, sie genehmigte oder von ihnen wusste“; er habe keine Steuern hinterzogen, und es sei „völlig angemessen“ gewesen, dass seine Firmen sich auf Deloittes Rat stützten. Die Vorwürfe auf Jersey weise er zurück. Deloitte Zypern erklärte, es handle „im Einklang mit geltendem Recht“ und habe keinen Zugriff mehr auf 20 Jahre alte Korrespondenz. Die Anwälte von Eugene Tenenbaum, der Abramowitschs Londoner Verwaltungsgesellschaft leitete, bestritten jede unzulässige Rückdatierung. Ioannides’ Anwälte teilten mit, er sei nicht in der Lage zu antworten.
Offene Fragen
Wer entschied, die Daten zu ändern, und sah ein Deloitte-Prüfer außerhalb Zyperns die Entwürfe? Haben zyprische Steuer- und Registerbehörden sich auf die ersetzten Abschlüsse verlassen, und werden sie diese neu prüfen? Und wurde die Praxis nach 2013 fortgesetzt?
Die Erkenntnisse beruhen auf geleakten Unterlagen, die die beteiligten Medien nach eigenen Angaben ausgewertet und den Genannten vorgelegt haben. Kein Gericht hat über die Rückdatierungen entschieden; keine der genannten Personen oder Firmen wurde deswegen angeklagt.
Auf Grundlage von Berichten von: The Bureau of Investigative Journalism · 12. Oktober 2026; OCCRP · 12. Oktober 2026; ICIJ · Cyprus Confidential · Oktober 2026; The Guardian und BBC Panorama · Oktober 2026; Britische Regierung · Sanktionen gegen Abramowitsch · 10. März 2022; Britische Regierung · Sanktionen gegen Demetris Ioannides · 12. April 2023; High Court of England and Wales · Berezovsky v Abramovich [2012] EWHC 2463 (Comm).
Quelldokumente
07- The Bureau of Investigative Journalism · 12. Oktober 2026Kein öffentlicher Link angegeben
- OCCRP · 12. Oktober 2026Kein öffentlicher Link angegeben
- ICIJ · Cyprus Confidential · Oktober 2026Kein öffentlicher Link angegeben
- The Guardian und BBC Panorama · Oktober 2026Kein öffentlicher Link angegeben
- Britische Regierung · Sanktionen gegen Abramowitsch · 10. März 2022gov.uk
- Britische Regierung · Sanktionen gegen Demetris Ioannides · 12. April 2023gov.uk
- High Court of England and Wales · Berezovsky v Abramovich [2012] EWHC 2463 (Comm)judiciary.uk
Dossier-Aktualisierungen
Bericht veröffentlicht
Recherche läuft
Redaktioneller Recherchestatus erfasst.
Redaktioneller Hinweis
Dieses Recherche-Briefing fasst die Berichterstattung des Bureau of Investigative Journalism, von OCCRP, ICIJ, The Guardian und BBC Panorama sowie die zitierten amtlichen Dokumente zusammen. The Ledgers hat die geleakten Cyprus-Confidential-Unterlagen nicht unabhängig geprüft. Die Vorwürfe sind umstritten. Die Illustration ist KI-generiert und zeigt kein tatsächliches Ereignis und keine reale Person.
Antwort oder Korrektur einreichen ↗Leserkommentare
Verifizierte Mitglieder können kommentieren. Kommentare werden redaktionell freigegeben. Diskutieren Sie die Belege und vermeiden Sie persönliche Daten.
Noch keine veröffentlichten Kommentare.
Anmelden / Konto erstellen →Bleiben Sie an der Recherche dran.
Folgen Sie The Ledgers für neue Recherchen, Entwicklungen in unseren Dossiers und Videos.
